Pferdegesundheit
Koppen und Weben: was die Evidenz zu Stereotypien beim Pferd sagt
Nur rund ein Prozent der Kopper begann nach Kontakt mit einem koppenden Pferd, obwohl fast die Hälfte der Halter an Abschauen glaubt.
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Auf betroffenen Weiden trugen auch klinisch gesunde Pferde Hypoglycin A im Blut: was die Studien zu Bergahorn, Samen und Keimlingen zeigen und was nicht.
Zusammenfassung
Die atypische Weidemyopathie entsteht durch Hypoglycin A aus dem Bergahorn. Die Aufnahme ist jedoch kein Schalter, sondern ein Übergang: Auf zwei schwedischen Betrieben waren 20 von 22 klinisch gesunden Weidegefährten erkrankter Pferde im Blut ebenfalls positiv, und in deutschen wie belgischen Auswertungen lagen ihre Werte zwischen Erkrankten und nicht exponierten Vergleichspferden. Ein Ahorn am Zaun sagt deshalb wenig darüber, welches Pferd erkrankt.
Das Wesentliche
Die atypische Weidemyopathie ist keine Stoffwechselstörung des Pferdes, sondern eine Vergiftung. Auslöser ist Hypoglycin A, eine Aminosäure aus dem Bergahorn (Acer pseudoplatanus). Im Körper entsteht daraus ein Stoff, der mehrere Enzyme des Fettabbaus blockiert, und zwar genau jene, die kurzkettige, mittelkettige und verzweigte Fettsäuren zur Energiegewinnung öffnen. Muskulatur, die einen grossen Teil ihrer Energie aus Fett bezieht, verliert damit ihre Hauptquelle, und Muskelgewebe zerfällt.
Wo diese Umwandlung stattfindet, wurde erst spät gezeigt. In einer Untersuchung an Gewebeproben von fünf verstorbenen Pferden fanden sich die aktivierten Abbauprodukte in sehr hohen Konzentrationen vor allem im Skelettmuskel, während ein grosser Teil des aufgenommenen Hypoglycin A in den Organen unverändert liegen blieb. Der Muskel ist demnach nicht nur der Ort des Schadens, sondern auch der Ort der Aktivierung. Die Arbeit umfasst fünf Tiere und beschreibt einen Zustand nach dem Tod, keinen zeitlichen Ablauf.
Weil dort umgewandelt wird, was den Schaden anrichtet, und weil Haltungs-, Atem- und Herzmuskulatur ununterbrochen arbeiten. Eine Auswertung des Bluteiweissmusters von 26 erkrankten Pferden fand gleichzeitig Zeichen von Entzündung, oxidativem Stress und einer verstärkten Zuckerverbrennung, mit der der Körper den blockierten Fettabbau offenbar zu ersetzen versuchte.
Diese Auswertung entstand allerdings an bereits erkrankten Pferden. Sie beschreibt, was ein vergiftetes Pferd von einem gesunden unterscheidet, nicht, was ein später erkrankendes Pferd vorher von seinen Weidegefährten unterschieden hätte. Genau diese Frage ist bis heute offen.
Der auffälligste Befund der letzten zehn Jahre steht quer zur Vorstellung, ein Ahorn am Zaun sei ein Schalter, der umgelegt wird. In einer deutschen Untersuchung während eines Ausbruchs wurde Hypoglycin A bei 16 erkrankten Pferden bestimmt, im Blut oder im Harn. Die Blutwerte der Erkrankten lagen zwischen knapp 400 und über 8'000 Mikrogramm pro Liter, jene nicht exponierter Vergleichspferde unter 10. Die klinisch gesunden Weidegefährten derselben Koppeln lagen im Mittel bei rund 109 Mikrogramm pro Liter: deutlich über den Vergleichspferden und deutlich unter den Erkrankten.
Zwei weitere Arbeiten zeigen dasselbe Muster. Auf zwei schwedischen Betrieben, auf denen je ein Pferd erkrankt war, waren 20 von 22 klinisch gesunden Weidegefährten im Blut positiv, einen Monat später und nach dem Wechsel auf andere Weiden noch 9 von 20. Zehn Pferde von nicht betroffenen Betrieben waren durchgehend negativ. Diese Zahlen stammen aus einem Kongressbeitrag ohne ausführliche Publikation und sind als vorläufiger, wenn auch passender Hinweis zu lesen.
Die bislang grösste Auswertung umfasste 263 Pferde: 95 Erkrankte, 73 Weidegefährten, 19 Pferde mit Kolik und 76 Vergleichspferde. Das Muster der Acylcarnitine im Blut, also der Zwischenprodukte des blockierten Fettabbaus, trennte die Erkrankten klar von den Vergleichspferden und auch von den Kolikpferden. Die Weidegefährten lagen dazwischen. Die Fachleute sprechen deshalb von einer subklinischen Form: aufgenommen, messbar, ohne Krankheitszeichen.
Wer wissen möchte, wie gefährdet die eigene Weide ist, stösst auf Ergebnisse, die sich nicht in eine Risikozahl übersetzen lassen. Die einzige Schweizer Arbeit dazu untersuchte Samen von sechs Betrieben mit bestätigten Fällen und von zwei Betrieben ohne Fälle. Hypoglycin A fand sich in sämtlichen Proben. Der mittlere Gehalt lag auf den Betrieben ohne Krankheitsfälle höher als auf den betroffenen. Ein statistischer Vergleich der beiden Mittelwerte wird nicht berichtet, und die Samen wurden 2012 gesammelt, während die Fälle bis 2007 zurückreichten.
Eine niederländische Untersuchung an 278 Proben fand dagegen einen Unterschied in der erwarteten Richtung: Samen von Weiden mit einem Krankheitsfall waren im Mittel höher belastet als Samen von Weiden ohne Fall. Die Streuung war jedoch so gross wie der Unterschied selbst, und für Blätter und Triebe bestand er gar nicht. Die Fachleute halten dort ausdrücklich fest, dass sich aus einer Messung am Baum keine Vorhersage für ein einzelnes Pferd ableiten lässt.
Eine englische Arbeit von 2025 prüfte, ob sich der Gehalt am Baum ablesen lässt: Teerfleckenkrankheit, Standort in Stadt oder Land, Stammumfang, Samengewicht, Ausrichtung der Äste. Kein geprüftes Merkmal erklärte den Toxingehalt. Was sich unterschied, war das Jahr. Dieselben Bäume trugen von einem Jahr zum nächsten deutlich andere Gehalte, und sie taten das im Gleichschritt. Über mehrere Regionen hinweg folgte die gemeldete Fallzahl der geschätzten Samenproduktion; dieser Vergleich ist auf Regionsebene gerechnet und sagt nichts über ein bestimmtes Pferd.
Was auf betroffenen Weiden auffiel, ist ebenfalls beschrieben, aber schwächer belegt, als es klingt. In der europäischen Auswertung von 600 gemeldeten Fällen zwischen 2006 und 2009 gingen Laub, Totholz und Bäume auf der Weide, eine Hanglage sowie dauernder Weidezugang häufiger mit einem Fall einher. Diese Auswertung entstand, bevor Hypoglycin A in Europa als Ursache erkannt war, und ihre Vergleichsgruppe bestand aus gemeldeten, aber verworfenen Fällen, nicht aus gesunden exponierten Pferden.
Aus Nordamerika stammt der aufschlussreichste Gegentest. Bei zwölf Fällen der dortigen saisonalen Weidemyopathie lagen auf allen betroffenen Weiden Samen des Eschenahorns, aber auch auf 61 Prozent der besuchten Vergleichsweiden ohne Fall. Der Baum allein trennt die beiden Gruppen also nicht. Was die Gruppen unterschied, waren längere Weidezeiten, stärker abgefressene Weiden und weniger Zufütterung: Beobachtungen aus Befragungen nach den Fällen, keine geprüften Massnahmen.
Nicht jeder Ahorn führt Hypoglycin A. In niederländischen und belgischen Proben war die Substanz in Spitzahorn (Acer platanoides) und Feldahorn (Acer campestre) nicht nachweisbar, während sie sich in nahezu allen Bergahornproben fand. In Nordamerika steht eine entsprechende Erkrankung mit dem Eschenahorn (Acer negundo) in Verbindung. Eine tschechische Analytik wies die Substanz zusätzlich in mehreren Zierahornen nach, für die bislang kein einziger Krankheitsfall beschrieben ist: nachgewiesen heisst hier nicht krankmachend.
| Art und Pflanzenteil | Gehalt an Hypoglycin A | Datenherkunft |
|---|---|---|
| Bergahorn, Keimlinge | 770 Milligramm pro Kilogramm (Median) | tschechische Analytik |
| Bergahorn, Samen | 130 Milligramm pro Kilogramm (Median) | dieselbe Untersuchung |
| Bergahorn, Blätter | 48 Milligramm pro Kilogramm (Median) | dieselbe Untersuchung |
| Bergahorn, Blütenstände | 24 Milligramm pro Kilogramm (Median) | dieselbe Untersuchung |
| Eschenahorn, Keimlinge | 550 Milligramm pro Kilogramm (Median) | dieselbe Untersuchung |
| Silberahorn, alle geprüften Teile | 56 Milligramm pro Kilogramm, ohne Unterschied zwischen den Teilen | dieselbe Untersuchung |
| Spitzahorn und Feldahorn | nicht nachweisbar | niederländische und belgische Proben |
Innerhalb des Baumes ist die Verteilung also ungleich: Keimlinge sind mit Abstand am höchsten belastet, Samen deutlich weniger, Blätter und Blütenstände noch weniger. Diese Rangfolge sagt allerdings nichts darüber, was ein Pferd tatsächlich frisst. Zugänglichkeit und Schmackhaftigkeit der Pflanzenteile wurden in derselben Arbeit nicht gemessen, und die Fachleute weisen ausdrücklich darauf hin.
Aus den europäischen Meldedaten ergibt sich eine ungewöhnlich scharfe Saisonalität. Rund 94 Prozent der Fälle fallen in zwei Zeitfenster von je drei Monaten: Das eine beginnt im Oktober mit dem Samenfall, das andere im März mit den Keimlingen. Die Erkrankung hat damit zwei Gesichter, ein herbstliches und ein frühlingshaftes, und beiden liegt dieselbe Substanz zugrunde. Das Frühjahrsfenster ist das weniger bekannte, obwohl Keimlinge der am höchsten belastete Pflanzenteil sind.
Neben Samen und Keimlingen kommen weitere Quellen in Betracht. In einer belgischen Pilotstudie fand sich Hypoglycin A im Frühjahr in sämtlichen Bergahornproben, auch in den Blütenständen und in Regenwasser, das nach einer regnerischen Nacht von benetzten Keimlingen aufgefangen wurde. Eine englische Arbeit fand die Substanz in Wasser, in dem Samen gelegen hatten, noch nach 48 Stunden. Beide Beobachtungen betreffen Pflanzen- und Wasserproben, nicht Pferde: Ob daraus je ein Krankheitsfall entstanden ist, wurde nicht geprüft.
Pferde unterscheiden die Entwicklungsstadien der Pflanze durchaus. In einer Beobachtung an 29 Weidepferden mit 117 ausgewerteten Videosequenzen wurden 19,1 Prozent der jungen Pflänzchen im Keimblattstadium gefressen, aber nur 5,46 Prozent der älteren Keimlinge mit ersten Laubblättern, die deutlich mehr Phenole enthalten. Die Verbindung zwischen Pflanzenchemie und Verhalten ist beobachtet, nicht bewiesen, und die Autorenschaft formuliert sie selbst im Konjunktiv. Vor allem aber ist die Meidung unvollständig: Ein Rest wird gefressen.
Was mit den Pflanzen geschieht, wurde eigens geprüft. In einem Laborversuch senkten weder Mähen noch zwei geprüfte Herbizide den Gehalt der Keimlinge über zwei Wochen; nach dem Mähen stieg er vorübergehend sogar an. Gras, das zusammen mit Keimlingen geschnitten worden war, wies nach einer Woche geringe Mengen auf, und in Heu und Silage war die Substanz nach sechs bis acht Monaten Lagerung noch nachweisbar. Gemessen wurde dabei ausschliesslich der Gehalt der Pflanze, nie das Risiko eines Pferdes.
Wie viele Pferde eine atypische Weidemyopathie überleben, lässt sich nur aus Meldenetzwerken abschätzen, und die beiden grössten Auswertungen kommen zu unterschiedlichen Zahlen. In Grossbritannien wurden zwischen 2011 und 2015 insgesamt 224 Fälle gemeldet; für 189 war der Ausgang bekannt, und 38,6 Prozent dieser Pferde überlebten. Für 600 europäische Meldungen der Jahre 2006 bis 2009, von denen 354 als atypische Weidemyopathie eingestuft wurden, lag die Überlebensrate bei 26 Prozent.
Beide Zahlen beruhen auf freiwilliger Meldung. Der Nenner ist unbekannt: Wie viele Pferde in denselben Regionen erkrankten, ohne gemeldet zu werden, weiss niemand, und die britische Arbeit weist selbst auf mögliche Fehlzuordnungen hin, weil Meldungen teils direkt von Haltenden kamen. Der Abstand zwischen 26 und 38,6 Prozent ist deshalb kein Beleg für eine Verbesserung: Es handelt sich um verschiedene Zeiträume, verschiedene Netzwerke und verschiedene Einschlusskriterien.
Welche Befunde mit dem Tod einhergingen, ähnelt sich in beiden Auswertungen. In der britischen Arbeit blieb in der gemeinsamen Auswertung ein einziges Zeichen bestehen: das Festliegen. In der europäischen Auswertung gingen zusätzlich Schwitzen, Futterverweigerung sowie angestrengte und beschleunigte Atmung mit dem Tod einher, während Pferde, die überwiegend standen, eine normale Körpertemperatur zeigten und Kot absetzten, häufiger überlebten. In der britischen Arbeit ging auch die Gabe von Vitaminen mit besserem Überleben einher: eine Beobachtung an behandelten Pferden, kein Wirknachweis.
Die Blutdiagnostik hat sich in wenigen Jahren stark entwickelt. In der Auswertung an 263 Pferden trennte das Acylcarnitinmuster die Erkrankten nicht nur von gesunden Vergleichspferden, sondern auch von Pferden mit Kolik, also von einer anderen Ursache für ein akut schwer krankes Pferd. Eine einzelne dieser Substanzen erwies sich dort zugleich als Hinweis auf das Überleben. Das ist der grösste bisher veröffentlichte Datensatz zu dieser Frage.
Für die Frage, die Halterinnen und Halter stellen, hilft das jedoch nur begrenzt. In einer belgischen Fallserie lag ein klinisch gesundes Pferd auf einer Weide mit Keimlingen und Samen höher als der Mittelwert der erkrankten Pferde. Es handelt sich um ein einzelnes Tier, dessen weiterer Verlauf nicht berichtet wird. Der Befund reicht aber, um die Grenze zu markieren: Ein Nachweis im Blut belegt eine Aufnahme, nicht eine bevorstehende Erkrankung.
Aus den Studien folgt dafür kein Verfahren. Sie messen Exposition, und exponierte Pferde blieben in allen hier ausgewerteten Arbeiten mehrheitlich gesund. Ein Grenzwert, ab dem eine Erkrankung zu erwarten wäre, ist nicht definiert. Ob eine Untersuchung im Einzelfall sinnvoll ist, entscheidet die betreuende Tierarztpraxis.
Die Analytik selbst ist inzwischen erheblich empfindlicher. Ein am deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung validiertes Verfahren senkte die Bestimmungsgrenze für Hypoglycin A um etwa das Dreissigfache und wies in Bergahorn und Eschenahorn zusätzlich zwei Dipeptide nach, die seit 1973 nicht mehr im Ahorn beschrieben worden waren. Was diese Verbindungen im Pferd bewirken, ist offen: Die Arbeit ist rein analytisch und hat kein Tier untersucht.
Dieselbe Stoffgruppe macht auch Menschen krank, aber anders. In Indien und weiteren Anbauregionen wird eine akute Enzephalopathie bei Kindern mit den Toxinen des Litschi-Arillus in Verbindung gebracht, darunter dieselbe Substanz, die im Bergahorn vorkommt. Der Mechanismus ist geteilt, das Krankheitsbild nicht: Bei den Kindern steht eine Unterzuckerung mit Beteiligung des Gehirns im Vordergrund, nicht ein Muskelzerfall, und beschrieben wird sie im Zusammentreffen von Unterernährung, langem Nüchternbleiben und dem Verzehr grosser Mengen Früchte.
Auch Schafe nehmen die Substanz auf. In einer britischen Untersuchung war Hypoglycin A bei 13 von 15 Schafen nachweisbar, die auf belasteten Weiden grasten, ohne Krankheitszeichen und ohne auffällige Blutwerte, und bei zwei von fünf gesäugten Lämmern ebenfalls, was auf einen Übergang in die Milch hindeutet. Weder Pansensaft noch Magensaft des Pferdes bauten die Substanz im Reagenzglas ab. Die Autorenschaft vermutet deshalb eine höhere Widerstandsfähigkeit des Schafstoffwechsels, ohne sie zu belegen.
Eigene Auswertung
| Glied der Kette | Was gemessen wurde | Stärkstes gefundenes Design | Was daraus nicht folgt |
|---|---|---|---|
| Baum auf oder neben der Weide | Art, Stammumfang, Standort, Teerfleckenkrankheit, Samengewicht, Ausrichtung der Äste | Feld- und Laborarbeit an Bäumen von zehn Standorten mit prospektivem Teil | Kein geprüftes Baummerkmal erklärte den Toxingehalt: Der Baum selbst ist kein Risikomass |
| Toxingehalt der Samen | Hypoglycin A je Gewichtseinheit Samen | Vergleich von Weiden mit und ohne Krankheitsfall, in drei Ländern | Der Gehalt schwankt zwischen Jahren stärker als zwischen Weiden; in Schweizer Proben lag er ohne Fälle höher |
| Toxingehalt nach Pflanzenteil | Gehalte für Keimling, Samen, Blatt, Blütenstand | Analytik an Proben aus einem Land, ergänzt um zwölf Zierarten | Kein Mass für Zugänglichkeit oder Schmackhaftigkeit, also keine Aussage über die gefressene Menge |
| Fressverhalten am Keimling | Anteil gefressener Keimlinge nach Entwicklungsstadium, mit Phenolgehalt | Videobeobachtung an 29 Weidepferden | Die Meidung älterer Keimlinge ist unvollständig, und der Phenolgehalt ist als Ursache nicht belegt |
| Aufgenommene Menge | nichts | keine Arbeit gefunden | Die Menge, ab der ein Pferd erkrankt, ist unbekannt: keine Angabe zu Samen, Keimlingen oder Wasser ist ableitbar |
| Toxin im Blut und im Harn | Hypoglycin A, Acylcarnitine und Abbauprodukte | Vergleich von Erkrankten, Weidegefährten und nicht exponierten Pferden | Ein Nachweis belegt Aufnahme, nicht Erkrankung: ein klinisch gesundes Pferd lag über dem Mittel der Erkrankten |
| Schaden im Muskel | aktivierte Abbauprodukte im Gewebe | Fallserie an fünf verstorbenen Pferden | Ein Zustand nach dem Tod, kein zeitlicher Ablauf und keine Aussage über frühe Stunden |
| Ausgang der Erkrankung | Überleben nach Meldung | Fallserien aus zwei europäischen Meldenetzwerken | Freiwillige Meldung ohne bekannten Nenner: keine Überlebenswahrscheinlichkeit für ein einzelnes Pferd |
| Wiederkehr im nächsten Jahr | regionale Fallzahl gegenüber geschätzter Samenproduktion | ökologischer Vergleich auf Ebene von Regionen | Eine Aussage über Regionen und Jahre, nicht über eine bestimmte Weide oder ein bestimmtes Pferd |
Diese Frage beantwortet die Studienlage nicht, und zwar aus einem sachlichen Grund: Es gibt keinen Schwellenwert. In einer englischen Untersuchung erklärte kein geprüftes Merkmal eines Baumes den Toxingehalt seiner Samen, dieselben Bäume trugen von Jahr zu Jahr deutlich andere Gehalte, und in der einzigen Schweizer Erhebung lag der mittlere Gehalt auf Betrieben ohne Krankheitsfälle sogar höher als auf betroffenen. Ein Laborversuch zeigte ausserdem, dass weder Mähen noch zwei geprüfte Herbizide den Gehalt der Keimlinge über zwei Wochen senkten. Was auf einer bestimmten Weide sinnvoll ist, ist eine Entscheidung mit der betreuenden Tierarztpraxis, keine Ableitung aus diesen Zahlen.
Nein, das lässt sich daraus nicht schliessen. Die Gehalte schwanken vor allem zwischen den Jahren: In einer englischen Arbeit trugen dieselben Bäume von einem Jahr zum nächsten deutlich andere Mengen, und über mehrere Regionen hinweg folgte die gemeldete Fallzahl der geschätzten Samenproduktion. In Schweizer Proben lag der mittlere Gehalt auf Betrieben ohne bekannte Fälle höher als auf betroffenen. Eine europäische Übersicht der Meldedaten hält deshalb ausdrücklich fest, dass eine Weide mit Bergahorn in der Nähe auch dann als exponiert gilt, wenn dort noch nie etwas geschehen ist. Ein ereignisloses Jahr ist eine Beobachtung, keine Eigenschaft der Weide.
Nein. In niederländischen und belgischen Proben war Hypoglycin A in Spitzahorn und Feldahorn nicht nachweisbar, während es sich in nahezu allen Bergahornproben fand. In Nordamerika ist der Eschenahorn mit einer entsprechenden Erkrankung verbunden, und seine Keimlinge lagen in einer tschechischen Analytik ebenfalls hoch. Dieselbe Analytik wies die Substanz zusätzlich in mehreren Zierahornen nach, darunter Zuckerahorn und Fächerahorn, für die kein Krankheitsfall beschrieben ist. Nachgewiesen und krankmachend sind zwei verschiedene Aussagen. Die Bestimmung der Art gehört im Zweifel in fachkundige Hände.
Rund 94 Prozent der europäisch gemeldeten Fälle fallen in zwei Zeitfenster von je drei Monaten: Das eine beginnt im Oktober mit dem Samenfall, das andere im März mit den Keimlingen. Das Frühjahrsfenster ist weniger bekannt, aber gut belegt. Keimlinge waren in einer tschechischen Analytik der mit Abstand am höchsten belastete Pflanzenteil, und in einer belgischen Fallserie liessen sich Frühjahrskeimlinge als Quelle nachvollziehen. Eine belgische Pilotstudie fand die Substanz im Frühjahr zudem in Blütenständen und in Regenwasser, das von benetzten Keimlingen abgelaufen war.
In einem Laborversuch ja. Samen und Keimlinge wurden dort in Heu und Silage eingebracht, und Hypoglycin A war nach sechs bis acht Monaten Lagerung noch nachweisbar. Auch Gras, das zusammen mit Keimlingen geschnitten worden war, wies nach einer Woche geringe Mengen auf. Diese Arbeit hat ausschliesslich Pflanzenmaterial untersucht und kein Pferd: Sie zeigt, dass die Substanz die Konservierung übersteht, nicht, dass daraus ein Krankheitsfall entsteht. Ein solcher Fall nach Fütterung von konserviertem Futter ist in den hier ausgewerteten Arbeiten nicht beschrieben.
Nach den vorliegenden Meldedaten nicht. Von 189 britischen Fällen mit bekanntem Ausgang überlebten 38,6 Prozent, in der älteren europäischen Auswertung von 354 Fällen waren es 26 Prozent. Beide Zahlen stammen aus freiwilligen Meldungen: Der Nenner ist unbekannt, leichte Verläufe werden seltener gemeldet, und die britische Arbeit weist selbst auf mögliche Fehlzuordnungen hin. Der Unterschied zwischen beiden Zahlen belegt keine Verbesserung, weil Zeiträume, Netzwerke und Einschlusskriterien verschieden sind. Sicher ist, dass ein erheblicher Teil der gemeldeten Pferde starb und dass ein Verdacht keinen Aufschub verträgt.
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